Ein Schreckgespenst in aller Munde?

Um die Abkürzung EOTRH (jupp, die Buchstaben gehören genau in diese Reihenfolge…) kommt mittlerweile kaum noch ein Pferdehalter herum. Im Internet tauchen gruselige Gebissfotos auf, gepaart mit den verschiedensten Erfahrungsberichten von Besitzern und allen anderen, die froh sind nicht die Besitzer zu sein, aber dennoch was zum Thema beizutragen haben.

Ausgeschrieben und übersetzt erklärt sich das Wesen dieser Erkrankung, die zumeist die Schneide- und Hengstzähne betrifft, fast von alleine:

Equine betrifft Pferde
Odontoclastic Zahnsubstanzfressende (Odontoklasten sind die Zellen, die Zahnsubstanz abbauen)
Tooth Zahn
Resorption Auflösung und
Hypercementosis Übermäßige Bildung von Zahnzement

Das bedeutet in der Zusammenfassung: Aus bislang unbekannten Gründen gibt es bei den Pferden (ähnlich übrigens auch bei Katzen) eine Erkrankung, bei denen die Odontoklasten Zahnsubstanz auflösen oder fressen. Diese Bereiche werden in vielen Fällen durch Zahnzement aufgefüllt, was jedoch nicht in geregelten Bahnen geschieht, sondern unkontrolliert und übermäßig. Das führt zu den bekannten knolligen Zahnwurzeln.

Leider weiß man heute noch immer nicht, warum diese Krankheit entsteht. Es gibt hier einige anatomisch und physiologisch begründete Hypothesen an denen gerade mit Hochdruck geforscht wird.

  • Die Minderdurchblutungstheorie geht davon aus, dass eine erhöhte Druckbelastung der Schneidezähne zu einer Durchblutungsstörung führt (Hole, Staszyk 2016)
  • Eine ähnliche Theorie schreibt die Veränderungen einer Überlastung der Fasern, die die Schneidezähne in ihrem Zahnfach halten (Ligamentum peridontale) (Earley 2013)
  • Die dritte Hypothese geht von einer chronischen Entzündungsreaktion der Zahnumgebung (des Periodonts) aus (Grier-Lowe 2015)
Deutlich erkennbar sind hier an einer Reihe extra­hier­ter Ober­kiefer­backen­zähne, die knollig verän­derten Zahn­wurzeln. Zähne, die erst später betroffen sind (die beiden mittleren 101, 201) haben schon gar keinen Platz mehr selbst zu entarten. Jedoch haben sie alleine auch keinen Halt mehr im Kiefer­knochen, weil das Zahn­fach bereits aufge­löst wurde.

Bei den Überlastungstheorien lassen sich Parallelen zur Hufrehe-Entstehung erkennen. Auch hier wird eine stark durchblutete und stark mechanisch beanspruchte Struktur überlastet oder aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr stark genug durchblutet. Letztlich reagiert auch die Huflederhaut bei chronischer Rehe mit verstärkter Hornbildung, aus der der knollige Rehehuf entsteht.

Da die Ursache nicht bekannt ist, sind auch die Behandlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Passend zu den Druck- und Überlastungshypothesen hat es sich bewährt, die Schneidezähne betroffener Pferde zu entlasten oder sogar vollständig aus der Reibung zu nehmen.

Bei dieser Maßnahme ist allerdings die perfekte Bearbeitung der Backenzahnkaufläche noch wichtiger als ohnehin schon. Wir erinnern uns an das Gleichgewicht aus Schneidezähnen, Backenzähnen und Kiefergelenk: Wird ein Teil des Gleichgewichts entfernt, müssen die restlichen Anteile umso besser aufeinander abgestimmt sein, damit es nicht zur Überlastung weiterer Zähne kommt!

Rein gefühlsmäßig begegnen einem in der Praxis mehr Ponys, als Groß­pferde mit EOTRH, jedoch gibt es auch hier­zu noch keine verläss­lichen Zahlen

Leider ist auch noch immer nicht geklärt welche Pferde besonders gefährdet sind. In einer Studie von 2017 (Rehrl et al.) wurden von 142 Pferde im Alter zwischen 10 und 37 Jahren Röntgenbilder der Schneidezähne angefertigt und beurteilt. Bei insgesamt 62 Prozent der Pferde wurden starke Zahnveränderungen gefunden.

Der Einfluss genetischer (rassebedingter) Faktoren, der Fütterung (mehr Heu, weniger Heu, Heu aus Heunetzen, Spurenelemente, Mineralfutter etc.) oder auch von Stoffwechselerkrankungen (Cushing, EMS…) ist ebenfalls noch völlig ungeklärt.

Bei manchen Pferden findet die Entwicklung der EOTRH langsam und schleichend statt. Bei Ihnen findet man kaum Entzündungssymptome und registriert die Erkrankung erst, wenn sich die Knollen der Zahnwurzeln schon unter dem Zahnfleisch vorwölben. Bei diesen Pferden finden auch die unten aufgezählten entzündlichen Prozesse deutlich moderater statt. So kann hier mit einer kombinierten Therapie aus der Fütterung von Heilpilzen und einer Druckentlastung der Schneidezähne der Verlauf deutlich verlangsamt werden. Oftmals können in solchen Fällen auch die Zähne erhalten werden, wenn nicht mechanische Probleme (mangelnder Lippenschluss) eine Extraktion nötig machen.

Bei anderen Pferden findet die Veränderung innerhalb weniger Monate statt. Hier ist das Geschehen oftmals hochgradig schmerzhaft und es finden neben der Knollenbildung finden noch weitere entzündliche Prozesse im Bereich der betroffenen Zähne statt:

Häufig sind chronische Zahnfleischentzündungen festzustellen. Die Schleimhaut ist stark gerötet und wird wulstig. Später zieht sie sich immer weiter zurück und legt die Reservekrone immer weiter frei. Im Extremfall entstehen eitrige Fistelkanäle im Bereich der Zahnwurzeln.

Bei einigen Pferden schreitet die Erkran­kung plötz­lich so schnell voran, dass Zahn­sub­stanz zwar in großen Mengen resor­biert wird, aber offen­bar keine Zeit bleibt, die Hyper­zemen­tose aus­zubil­den. Eine starke Ent­zün­dung ist von außen und auch im Röntgen­bild zu erkennen, jedoch noch keine Knollen­bildung.

Die Zusammensetzung des Speichels scheint sich bei einigen Pferden zu verändern. Die Pferde speicheln stärker und der Speichel hat manchmal die Konsistenz von Eiklar.

Auch die Zahnsteinbildung findet bei Pferden mit EOTRH häufig rasant statt. Besonders auf den Hengstzähnen bilden sich massive Knollen aus mehreren Schichten Zahnstein. Das passiert bei einigen Pferden jedoch auch ohne EOTRH.

Durch die fortschreitende Knollenbildung wird der Knochen des Zahnfachs immer weiter verdrängt. Auch hier finden entzündliche Vorgänge statt, die sich im Röntgenbild darstellen lassen.

 

Starke Zahn­stein­bildung kann, muss aber kein Anzeichen für die EOTRH-typischen Ver­änder­ungen sein. Auf­schluss bringt hier, im Zweifel, nur ein Röntgen­bild
Entstehen derartige Fistelkanäle im Bereich der Zahn­wurzeln, be­steht drin­gender Hand­lungs­bedarf. Hier findet eine massive Ent­zün­dung statt und ist in der Regel auch mit Schmer­zen ver­bun­den!

Die Pferde zeigen oftmals auch Wesensveränderungen, die auf die schmerzhaften Prozesse zurück zu führen sind: Besonders ältere Pferde sondern sich aus der Herde ab, werden misslaunig und biestig. Im Fressverhalten ändert sich bei den meisten lange Zeit nichts, woraus viele schließen, dass die Zahnschmerzen „ja doch nicht so dramatisch“ sein können.

Sind jedoch die oben beschriebenen Entzündungszeichen und Symptome vorhanden und die mittlerweile sicherlich angefertigter Röntgenbilder bestätigen die Diagnose EOTRH, muss gehandelt werden. Falls noch nicht geschehen, kann über eine bessere Ausbalancierung des Gebisses mit Druckentlastung der Schneidezähne noch einmal versucht werden, ob sich der Zustand wieder verbessern lässt. Tut sich hier jedoch innerhalb eines absehbaren Zeitraumes nichts, kann nur noch zur Extraktion der betroffenen Zähne geraten werden.

Auch dieser Schritt ist allerdings kein Weltuntergang: Pferde kommen auch hervorragend ohne Schneidezähne aus. Für ihre Rau- und Kraftfutterration benötigen sie ohnehin keine Schneidezähne und sogar grasen geht ohne Zähne noch erstaunlich gut. Die Pferde zupfen das Gras mit ihren Lippen und stellen sich hier bereits nach kürzester Zeit sehr geschickt an.

Literaturquellen

Equine odontoclastic tooth resorption an hypercementosis. Hole S.L., Staszyk C., Equine Vet Educ. 2016

A new understanding of oral and dental disorders oft he equine incisor and canine teeth, Earley E. et al. Vet Clin North Am Equine Pract 2013

Novel treatment of EOTRH of incisor teeth in a 22-year old arabian mare, Grier-Lowe C.K. et al. Can Vet J, 2015

Radiological prevlance of equine odontoclastic tooth resorption and hypercementosis. Equine Vet J. Rehrl S, Schröder W, Müller C, Staszyk C, Lischer C (2017)

In der seitlichen Röntgen­auf­nahme nach der Ex­trak­tion aller Schneide­zähne sieht man erst richtig, wie stark die Hyper­zemen­tosen der Zahn­wurzeln den Kiefer­knochen ver­drängen