Die Senioren unter den Patienten

Zunächst eine grundsätzliche Fragestellung: Ab wann gilt ein Pferd als alt?

Unsere alte Dame Giselle mit 31: noch immer im Vollbesitz aller Zähne – auch mit 34 hat sich daran noch nichts geändert

Ob ein Pferd grundsätzlich als „alt“ eingestuft wird hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zunächst einmal von demjenigen, der die Einschätzung vornimmt. Ist es der Besitzer der bereits bedauert, dass er aufgrund von orthopädischen Problemen nicht mehr auf Turnieren starten kann, wird ein Pferd vielleicht schon mit 15 Jahren als alt eingestuft. Ist es der Stallbesitzer, der ein besonders munteres Exemplar in die Pony-Rentnerherde eingliedern soll und der Kandidat die anderen Herrschaften erstmal gehörig aufmischt, ist der 25-jährige im Verhältnis noch ein junger Hüpfer. Beim Freizeitreiter kommen beim 20 Jährigen vielleicht doch nochmal Turnierambitionen durch „so alt isser doch noch gar nicht“. Und bei der Auswahl der passenden Sedierung durch den Tierarzt zeigt der eine oder andere über 30-jährige, dass er sich von der „Rentnersedierung“ so gar nicht beeindrucken lässt. Alles in allem hängt die Einstufung „alt“ meist nicht nur vom tatsächlichen Alter, sondern vielmehr vom Allgemeinzustand wie Bemuskelung und Ernährungszustand, sowie vom Vorhandensein einer gewissen körperlichen Fitness ab.

Auch bei der Entwicklung der Zähne geht die Altersentwicklung nicht nach dem Kalender vor. Bis zum Alter von ca. 5 Jahren, lässt sich das Zahnalter noch relativ zuverlässig bestimmen. Alles was im Anschluss folgt, kann man bis zu einem Alter von 10 Jahren als begründete Schätzung nutzen und danach wird es sehr spekulativ. Bereits ab einem Alter von 15 Jahren können erste Anzeichen eines sogenannten senilen Gebisses auftreten. Bei anderen Pferden treten diese Anzeichen allerdings erst mit 30 Jahren auf (C. Vogt 2011).

Grundlagen

Das Pinzetten-oder Winkelgebiss: Wirklich ein physiologischer Altersbefund oder Resultat unserer Haltung und Behandlung?

Das was dem Pferdekenner, der irgendwann einmal eine Basispassprüfung der FN abgelegt hat als erstes zum Thema Zahnalterung einfällt ist natürlich die Veränderung des Schneidezahnwinkels vom Zangen- über das Winkel- zum Pinzettengebiss. Mittlerweile geht man allerdings davon aus, dass dieses Herausdrücken der Schneidezähne eher an der mangelnden Abnutzung in unnatürlichen Haltungsformen, wie der Stallhaltung liegt.

Weit wichtiger für ein hohes Alter ist für das Pferd jedoch die Backenzahnkaufläche. Und hier zeigen sich dann auch die Probleme mit der zunehmenden Anzahl an senilen Backenzähnen.

Unterkiefermolare längs gesägt von einem mittelalten (ca.15-20 Jahre) Pferd

Wie die Oberfläche eines Mühlrades ist der einzelne Zahn und damit auch die gesamte Kaufläche strukturiert um eine Mahlwirkung zu erreichen. Diese Struktur entsteht durch die Kombination von drei unterschiedlich harten Materialien, die anders als beim menschlichen Backenzahn alle an der Oberfläche auftreten. Der besonders harte Zahnschmelz bildet das Grundgerüst und ist, in Ober- und Unterkiefer etwas unterschiedlich in Falten gelegt. Die anderen beiden Materialien Zahnzement und Dentin sind deutlich weicher und werden dadurch schneller abgenutzt. Sie umgeben wiederum den Zahnschmelz, füllen die Anteile im Inneren der Schmelzfalten auf und schützen „das Leben“ des Zahnes, die Pulpa. Außerdem kann das Dentin einen Verschluss bilden, falls die Pulpa aufgrund einer Zahnfraktur oder kariösen Prozessen mal freiliegen sollte.

Ab einem Alter von 6-8 Jahren stellt der Zahn das Längenwachstum ein und wird nur noch je nach Tempo der Abnutzung aus dem Zahnfach heraus geschoben. Die Pulpa zieht sich zurück und auch der Schädelknochen im Wurzelbereich strukturiert sich derart um, dass das Zahnfach für die jeweilige Zahngröße passend bleibt.

Das senile Gebiss

beginnend senile Strukturen im Bereich der Prämolaren im Unterkiefer. Die Schmelzkanten bleiben höher, der restliche Anteil sinkt ein. Zwischen den Zähnen erkennt man eine mit Futterresten gefüllte Lücke

Von einer senilen Zahnstruktur spricht man, wenn aufgrund der Abnutzung der sogenannten Reservekrone wenig oder keine Schmelzstruktur mehr vorhanden ist. Das Zermahlen der Futterstrukturen wird schwieriger bis unmöglich und die Fasern des Raufutters können nicht mehr richtig aufgeschlossen und verwertet werden.

Häufig bleiben an den Außenkanten der Zähne Schmelzbereiche stehen, die bisweilen messerscharf werden können und Zunge oder Backenschleimhaut beim Kauen regelrecht aufschlitzen können.

Da die Zähne nach und nach ihre Reservekrone aufgebraucht haben, wird auch die Verankerung im Zahnfach flächenmäßig immer weniger. Die Zähne haben weniger Halt und lösen sich schneller, wenn Kanten stehen bleiben und dadurch beim Kauen Scherkräfte entstehen.

Auch der Durchmesser der Zähne nimmt zur Wurzel hin häufig ab, so dass die Zähne entweder weiter zusammenrücken, kippen oder Lücken entstehen. In diesen Lücken sammelt sich das Futter und verursacht eine Zahnfleischentzündung (Parodontose). Bilden sich dadurch tiefe Zahnfleischtaschen, kann die Entzündung in der Tiefe die benachbarten Zähne weiter anlösen. Hier entsteht häufig ein Teufelskreis aus Entzündung, Bewegung des Zahnes und den immer tiefer in das Zahnfach eindringenden Futter. Ein chronischer Entzündungsherd entsteht und belastet den Organismus des alten Pferdes zusätzlich. Häufig ist die Extraktion des betroffenen Zahnes die einzige Möglichkeit diesen Prozess zu stoppen.

Man sieht im Oberkiefer nur noch glatte, einfarbige (d.h. unstrukturierte Kauflächen, zwischen den Zähnen ist Futter eingekaut. Hier fallen zusätzlich heftige Entzündungsreaktionen im gesamten Maulbereich auf, die typisch für Pferde mit nicht oder schlecht behandeltem equinen Cushingsyndrom sind

Leider entsteht dadurch ein weiteres Problem: Die angrenzenden Zähne sind häufig ebenfalls schon instabil und kippen beim Verlust des Nachbarn wie Dominosteine in die Lücke hinein.

Viele Rentnerpferde verlieren unbemerkt irgendwann nach und nach Backenzähne. Sie fressen unbeeindruckt weiter bis irgendwann keine aufeinander reibenden Flächen mehr vorhanden sind und sie plötzlich stark abbauen.

Bei einigen Pferden bleiben die stark wackelnden Zähne jedoch auch im Zahnfach stecken und verursachen die oben beschriebenen Entzündungsreaktionen.

Die Folge sind neben den lokalen Entzündungsreaktionen auch Schonhaltungen und Ausweichbewegungen beim Kauen, die über die mit Faszien verbundene Kau- und Halsmuskulatur letztlich die gesamte Statik des Pferdes beeinflussen und aus dem Gleichgewicht bringen können.

Aus diesem Grund ist es elementar wichtig die Zähne der Pferde jenseits des 20. Lebensjahres wieder engmaschiger kontrollieren zu lassen. Eine regelmäßige Zahnkontrolle kann dafür sorgen, dass Zähne, die unbehandelt in wenigen Wochen ausgefallen wären noch ihre Aufgabe als Platzhalter wahrnehmen können und die übrige Zahnreihe stabilisieren.

Die Ernährung des Rentnerpferdes

Fehlt irgendwann allerdings die entsprechende Malstruktur auf einem Großteil der Zähne (wann dieser Punkt gekommen ist, ist individuell sehr unterschiedlich) dann kann das angebotene Futter nur noch gequetscht, aber nicht mehr gekaut werden. Die sichtbare Folge sind Heuwickel, die das Pferd beim Raufutter fressen verliert. Weniger sichtbar ist aber zunächst, dass  das Futter durch die gröbere Struktur auch im Darm nicht mehr ausreichend aufgeschlossen werden kann. Dadurch steht dem Pferd einerseits nicht mehr ausreichend Energie zur Verfügung, andererseits werden aber auch die im Futter enthaltenen Mineralstoffe und Spurenelemente nicht mehr in der selben Menge aufgenommen wie früher.

Probleme mit der Raufutteraufnahme können und dürfen nicht über höhere Kraftfuttermengen ausgeglichen werden. Die leicht verdaulichen Kohlenhydrate übersäuern den Magen und bringen den Darm und den Zuckerhaushalt völlig durcheinander

Diese Veränderung lässt sich über die Fütterung ausgleichen, ist allerdings sowohl arbeits- als auch kostenintensiv. Die fehlende Energiemenge darf nicht über Kraftfuttergaben ausgeglichen werden, diese würden den Darm aufgrund der enthaltenen Stärke und Zucker unphysiologisch belasten und haben nur eine sehr kurzzeitig verfügbare Energie.

Solange noch Heu gekaut werden kann, muss man damit rechnen, dass Rentnerpferde die doppelte Zeit benötigen um dieselbe Menge Heu aufzunehmen wie in jungen Jahren. In dieser Zeit sollten sie sich ungestört auf ihre Futteraufnahme konzentrieren können und nicht immer wieder durch Artgenossen von der Heuraufe verdrängt werden. Besonders in Offenstall- und Gruppenhaltungen muss kritisch beobachtet werden, ob die alten Pferde noch mit der Situation klar kommen oder ob man sie ggf. über einige Stunden separieren muss, damit sie ungestört fressen können (das gilt auch für den Ruhe- und Schlafbedarf).

Die einzig vertretbare Lösung fehlende Kauleistung durch die Backenzähne zu ersetzen ist die Fütterung von Heucobs. Das quasi vorgekaute Heu überspringt den ersten Schritt der Verdauung im Maul und startet direkt im Magen, wo es dann physiologisch weiter verarbeitet werden kann. Die schiere Menge und die vielen Portionen können einen zeitlich und finanziell aber an die Grenzen bringen

Die Lösung für Pferde, die immer weniger Heu kauen können stellen Heucobs dar. Das Pferd bekommt die nötige Raufuttermenge quasi eingeweicht und vorgekaut. Mengenmäßig darf man sich hier allerdings keine Illusionen machen: Bei einem Pferd, das effektiv kein Heu mehr kauen kann, muss die gesamte Heumenge von ca. 2kg Heu pro 100kg Körpergewicht durch Heucobs ersetzt werden. Das bedeutet ein 500kg schweres Pferd benötigt pro Tag 10kg Heucobs in Trockenmasse. Das bedeutet natürlich auch dass ein einzelnes Pferd im Monat 12 25kg Säcke Heucobs wegfuttert!

Eingeweicht ist das eine ganze Menge! Wenn man sich vor Augen hält, dass das Pferd trotzdem ein Dauerfresser bleibt und der Magen- und Darmtrakt Fresspausen von mehr als 4 Stunden schon schlecht verträgt, sollten die Cobs schon mindestens auf vier Einzelportionen aufgeteilt werden. Protein und Aminosäuren sollte man mit Sojaextraktionsschrot oder Bierhefe ergänzen, Öle und Mineralfutter ergänzen die Ration.

Das Wohlbefinden eines Pferdes ist direkt mit der Zahl der Kaubewegungen gekoppelt. Zusätzlich wird über die Speichelproduktion beim Kauen auch die Magensäure gepuffert. Daher müssen auch Rentner, die vollständig über Heucobs ernährt werden, Heu zur Verfügung haben auf dem sie herum kauen können – auch wenn dann überall durchgekautes Heu als Heuwickel um die Raufe herum liegen.

Insgesamt sollte man sich die Zeit nehmen die Ration einmal bedarfsgerecht durchzurechnen und nicht nach Gefühl mal von dem einen Müsli und am nächsten Tag von dem anderen Mash einfach irgendwas füttern. Es gibt mittlerweile Tierärzte, die sich auf die Rationsberechnung und Fütterungsberatung spezialisiert haben. Diese Beratung kostet natürlich auch etwas (auch diese Kollegen müssen von ihrer Arbeit leben!), aber es lohnt sich in jedem Fall einen Experten hinzu zu ziehen, wenn man nicht sehr versiert in das Fütterungsthema einsteigen will. Und es spart einem häufig auch viele Sorgen und Tierarztkosten, die man durch eine willkürliche Pi mal Daumen Fütterung häufig längerfristig verursacht.

Die Sedierung des alten Pferdes

Häufig wird mit der Zahnbehandlung des Rentnerpferdes zu lange gewartet. Hier ein paar typische Aussagen:

„Wir wollten ihm das nicht mehr zumuten“

„wir hatten Sorge, dass er die Sedierung nicht verträgt“

„er hat ja noch einigermaßen gefressen“

„bis jetzt sah er ja immer noch ganz gut aus“

„den konnte man früher immer ohne Sedierung behandeln“

Das Problem ist, dass man sehr langen Intervallen auch sehr viele Baustellen auf einmal hat, die kaum noch in den Griff zu kriegen sind. Die Zähne werden, wie oben beschrieben, immer kürzer und sitzen auch nicht mehr so stabil in ihren Zahnfächern. Durch diesen abnehmenden Halt wird nicht nur das Kauen bei einem Stufen- oder Wellengebiss, sondern offenbar auch das Schleifen der Zähne als unangenehmer empfunden. Diesen Faktor muss man häufig durch eine angepasste Sedation ausgleichen. Da hilft es natürlich ungemein, wenn das Pferd durch kurze Kontroll- und Behandlungsintervalle auch immer nur sehr kurz sediert werden muss und nur kleinere Korrekturen vorgenommen werden müssen.

Nach einer gründlichen Voruntersuchung kann die Sedierung dem Gesundheitszustand des Patienten angepasst werden. In kritischen Fällen empfiehlt es sich vorweg einen Herzultraschall oder EKG zu machen. Kommt die Fahrt in die Klinik nicht infrage müssen wir uns über die Konsequenzen eines Kreislaufzwischenfalls unterhalten. Oftmals ist die Notwendigkeit einer Behandlung aber so dringlich, dass das Risiko notfalls in Kauf genommen werden sollte, um dem Pferd ein schmerzfreies Fressen zu ermöglichen

Die jahrelang brachliegende Großbaustelle ist trotz schonender Sedierung und angepasster Behandlung eine Belastung für das Pferd und die alten Tiere haben größere Schwierigkeiten sich an die veränderte Kausituation anzupassen.

Die Sedation wird in den allermeisten Fällen von den Rentnern viel besser weggesteckt als man manchmal denkt. Dennoch sollte der Sedation eine gründliche Voruntersuchung vorausgehen, um festzustellen, ob die Behandlung gerade notwendig ist. Auch eine gründliche Allgemeinuntersuchung sollte vor der Sedation jedes Patienten selbstverständlich sein.

Auch Patienten mit Herzproblemen sollte man die Zahnbehandlung nicht grundsätzlich vorenthalten. Auch hier gilt, lieber öfter kontrollieren und dann eine kurze Behandlung durchführen, als lange zu warten und dadurch lange Behandlungszeiten zu provozieren. In den allermeisten Fällen wird die Sedation auch beim Vorliegen von Herzgeräuschen oder sporadisch aufgetretenen Kreislaufproblemen gut verkraftet. Die Behandlung sollte bei diesen Patienten wenn möglich natürlich nicht im Hochsommer stattfinden und der Stall sollte insgesamt gut belüftet und schattig sein.

Eine angepasste Auswahl der Sedativa kann zu starkes Schwanken oder auch starke Blutdruckabfälle vermeiden, bei Risikopatienten kann ein Venenzugang gelegt werden, der es ermöglicht im Zweifel schnell eine Infusion zur Kreislaufstabilisierung zu verabreichen. Auch ein Mittel zur Aufhebung der Sedation ist vorhanden und kann im Notfall gespritzt werden.

Man muss sich immer vor Augen halten, dass die fraglichen Patienten, die in der Regel schon auf die 30 zugehen in der freien Wildbahn mit Zahnproblemen jetzt elendig verhungern würden. Auch bei uns leiden die Pferde häufig sehr unter den oben beschriebenen Zahnproblemen