Neumodischer Kram oder doch ein alter Hut?

Unglaublich oft wird man als Pferde­Dental­Praktikerin mit der Aus­sage „das haben die Pferde doch früher auch nicht gebraucht“ oder „ihr erfindet auch immer wieder was Neues…“ kon­fron­tiert. Beschäf­tigt man sich jedoch ein wenig genauer mit der Zahn­behand­lung beim Pferd, findet man Erstaun­liches: Bereits um 1930 entwickelte der Tier­arzt Dr. Erwin Becker in einer Tier­arzt­praxis in Sarstedt, Methoden und Werk­zeuge zur Zahn­behand­lung beim Pferd, die den heutigen in kaum etwas nach­standen.

Das Pferd war damals aus Land­wirt­schaft, Militär und Trans­port­wesen nicht wegzu­denken, jedoch ver­brauch­ten viele Pferde auch viele Getreide­ressourcen. Besonders in den städtischen Gebieten war es kaum möglich, die Pferde mit aus­reichend Rau­futter zu ver­sorgen. Die Arbeit war hart und der Energie­verbrauch der Pferde ent­sprechend hoch. Dieser ließ sich mengen­mäßig und logis­tisch nur über große Mengen an Kraft­futter decken. Dr. Erwin Becker erkannte, dass Pferde mit einem behan­delten Gebiss eine verbesserte Futter­verwertung aufwiesen. Durch die bessere Kau­funktion kamen die behandelten Pferde mit 10 bis 20% weniger Futter aus.

Ein vergleich­barer Schleif­auf­satz ist erst vor kurzer Zeit wieder auf dem Markt erschie­nen. (Aus You-Tube Video: Einmal im Jahr)
Die Idee der mobilen Pferde­dental­praxis aus dem Jahre 1943. Sogar der eigene Be­hand­lungs­stand wurde mit­gebracht, was ange­sichts der fehlen­den Sedier­ungs­möglich­keiten jedoch auch not­wendig war. (Aus You-Tube Video: Einmal im Jahr)

Besonders vor dem Hinter­grund der Ernähr­ung der Bevöl­kerung in Kriegs­zeiten, war diese Erkennt­nis wichtig. Aller­dings kamen vor allem die Pferde des Militärs in den „Genuss“ einer Zahn­behand­lung, da auch hier die Menge der zu beschaffen­den Futter­vorräte eine große Rolle spielte.

Durch diese große Be­deutung der Pferde­zahn­behand­lung in den 40er Jahren, wurden die Behand­lungs­methoden und Werk­zeuge immer weiter ver­bessert. Kleine maschinell ange­triebene Schleif­aufsätze, ange­passt an die Backen- und auch Schneide­zahn­behand­lung wurden ent­wickelt.

Im Video lässt sich sogar eine Wasser­kühlung der Schleif­aufsätze erkennen. Auch die Idee der mobilen Pferde­dental­praxis war bereits geboren (im Video etwa ab 24:30).

Einzig die Sedierungs­möglich­keiten waren damals noch sehr ein­ge­schränkt bzw. noch nicht vor­handen, so dass die Behand­lung nur im Zwangs­stand vor­genommen werden konnte. In diesem Bereich hat sich zum Glück einiges getan. Mit dem Ende des Krieges und der fort­schrei­tenden Indus­triali­sier­ung ist der Pferde­bestand in Deutsch­land stark einge­brochen. Für den Trans­port und die Fort­bewe­gung gab es flächen­deckend Autos oder LKWs und die Acker­pferde wurden nach und nach durch Traktoren ersetzt. Wer zu arm war, sich ein solches Gefährt zu leisten und noch auf das alt­modische Pferd setzen musste, hatte auch kein Geld für Zahn­behand­lungen.

So verschwand das Wissen um die Pferde­zahn­medizin für einige Jahr­zehnte voll­ständig von der Bild­fläche. Hatte ein Pferd Prob­leme mit dem Fressen, raspelten wahl­weise Schmied, Land­tierarzt oder auch der Besitzer ein wenig mit der Hand­raspel an den Zähnen herum. Wurde das Problem dadurch nicht gelöst, blieb in der Regel nur der Weg zum Schlachter oder Ab­decker.

Mein Opa mit seinen beiden Pferden Halla und Roland, aufge­nommen im Jahr 1960. Im Hinter­grund steht schon der Trecker.
Froh, dass sie keine Feldarbeit leisten muss, aber dennoch gesunde Zähne haben darf.

Erst in den letzten 20 Jahren ist die Bedeu­tung der Pferde­zahn­behand­lungen wieder in den Fokus von Pferde­besitzern und Tier­ärzten gelangt. Werk­zeuge, die es so schon einmal vor knapp 70 Jahren gegeben hatte, wurden neu ent­wickelt. Auch die Forschung begann sich ganz langsam wieder mit der Materie zu beschäf­tigen.

Heute ist die Not­wendig­keit der regel­mäßigen Zahn­kontrollen zum Glück wieder im Bewusst­sein der meisten Pferde­besitzer ange­kommen. Wenn auch diesmal in der Regel nicht aus wirt­schaft­lichen Gesichts­punkten, sondern aufgrund der Für­sorge­pflicht für die Gesund­heit unserer Freizeit- oder auch Sport­partner.

Das unten verlinkte You-Tube Video zeigt Originalaufnahmen der Zahnbehandlung von Dr. Erwin Becker, sowie sehr schön animierte Sequenzen, in denen die Entstehung von Zahnproblemen erklärt werden. Diese Erklärungen sind heute noch genauso gültig, wie sie es 1943, bei der Entstehung des Films waren!

Viel Spaß beim Anschauen und Staunen!

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